E-Mails sind der Renner am Theater
Stück über moderne Brieffreundschaft hält Aufführungsrekord
Simone Ascher und Rafael Meltzer schreiben sich gegenseitig E-Mails, seitdem sie zufällig im Internet aufeinander aufmerksam geworden sind. Die witzige Brieffreundschaft nach dem Roman von Daniel Glattauer ist ein echter »Renner« geworden. Foto: Harald Morsch
Paderborn | 01.02.2013 | von Andrea Pistorius
______________________
Wie präsentiert man einen Briefroman auf der Theaterbühne? Die Kammerspiele zeigen, wie’s geht – mit Erfolg sogar. Die moderne E-Mail-Romanze »Gut gegen Nordwind« ist die meistgespielte Studio-Produktion der letzten Jahre. Ende Januar war die Rekordzahl von 36 Vorstellungen erreicht, zehn Aufführungen kommen im Februar hinzu. »Wir sind selbst ganz überrascht«, sagt Britta Hollmann, Sprecherin des Theaters Paderborn, auch für Februar gibt es nur noch Restkarten. »Wir bemühen uns natürlich um weitere Termine«, versichert Hollmann. Das aber gestaltet sich als nicht so einfach, da die beiden Akteure Simone Ascher und Rafael Meltzer freiberuflich als Schauspieler tätig sind und ihr Engagement in Paderborn mit anderen Theater- und Filmverpflichtungen abstimmen müssen.
Simone Ascher und Rafael Meltzer schreiben sich gegenseitig E-Mails, seitdem sie zufällig im Internet aufeinander aufmerksam geworden sind. Die witzige Brieffreundschaft nach dem Roman von DanielDer Erfolg beruht wohl auf drei Faktoren: Liebe in Zeiten der digitalen Kommunikation ist die moderne Variante eines literarischen Dauerthemas, das die Menschen allgemein und vielleicht auch persönlich berührt, dazu kommt die spritzige Inszenierung von Nina Pichler und die große Spielfreude des Ensembles. »Die Rolle liegt mir«, erklärt Simone Ascher, warum sie so gern in »Gut gegen Nordwind« auf der Bühne steht, »ich bin selbst einfach nah dran.« Sie fühle sich ebenso selbstständig wie die Romanfigur Emmi und ebenso widersprüchlich. »Und auch das Komödiantische gefällt mir.«
70 Plätze stehen bei jeder Vorstellung im Theatertreff zur Verfügung, wobei die Zuschauer in der Mitte sitzen, während die beiden Schauspieler um sie herum agieren. Sie sind ständig in Bewegung und wechseln immer wieder den Spielort, was auch dem Publikum ein gewisses Maß an Mobilität abverlangt. Das aber macht Spaß, nervt überhaupt nicht und passt irgendwie zum Stück.
Emmi landet nämlich zufällig bei Leo, als sie sich beim Versenden einer Mail auf der Tastatur vertippt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine herzliche Brieffreundschaft, und schließlich fragen sie sich, ob virtuell ausgetauschte Gefühle einer persönlichen Begegnung standhalten können. Insbesondere Emmi zögert, da sie ja verheiratet, aber nicht unbedingt glücklich ist.
Simone Ascher und Rafael Meltzer gelingt es, die Brieftexte in emotionale Handlung umzusetzen und dabei beide Figuren nachvollziehbar zu charakterisieren. Regisseurin Nina Pichler bringt mit einigen guten Einfällen zusätzlichen Schwung und Witz ins Konzept.
Die 35-jährige Theaterfrau war schon mit einem anderen Studiostück am Theater Paderborn erfolgreich, und schon damals stand ihr Julia Bührle-Nowikowa als Bühnenbildnerin zur Seite: »Some Girl(s)« von Neil LaBute war der Dauerläufer in der Spielzeit 2010/2011. Britta Hollmann zählt 20 Vorstellungen mit knapp 1000 Zuschauern. Auch dieses Schauspiel erzählt von Liebessehnsucht und -fähigkeit der Menschen in der Gegenwart, und die Hauptrolle war mit Rafael Meltzer besetzt.
Das Interesse der Zuschauer an Karten für »Gut gegen Nordwind« von Daniel Glattauer möchte das Theater Paderborn gern zufrieden stellen. Doch schon im Februar mussten sechs der 16 geplanten Aufführungen wieder gestrichen werden. Der Grund: Simone Ascher erwartet ein Baby. Sie möchte sich deshalb schonen, aber auch weiter auf der Bühne stehen, so lange es geht. »Und vielleicht«, so spekuliert sie schon, »wird ja auch die Fortsetzung am Theater Paderborn gespielt.« Die Story müsste der neuen Intendantin Katharina Kreuzhage gefallen, die den nächsten Spielplan zusammenstellt. Und ob da »Alle sieben Wellen« einen Platz findet, wird sich im September zeigen.
(Quelle: http://www.westfalen-blatt.de)


